5-finger-plan-veraltet

Am 29. April in Südbaden Aktuell (von 4:55 bis 7:34) http://www.tv-suedbaden.de/mediathek/video/freiburg-stadt-entwickelt-perspektivplan-wohnen/#.U4NE0hZTRTs (Quelle: TV Südbaden; am 2. Mai in R(h)eingeschaut wiederholt) erklären OB Dr. Salomon und BauBM Prof. Dr. Haag den Fünf-Finger-Plan einfach als veraltet, weil sie keine andere Wahl hätten, als auf Teufel komm raus Wohnungen zu bauen. Sie wollen offensichtlich die langjährig gewachsene wissenschaftliche Basis für das Konzept des Fünf-Finger-Planes nicht wahr haben. Seit den siebziger Jahren bis zur Klimaanalyse 2003 wurden in zahlreichen Gutachten die topographisch bedingt kleinräumig sehr differenzierten klimatologischen Bedingungen von Freiburg untersucht, woraus sich der Fünf-Finger-Plan folgerichtig ergab („Kurzreferat Prof. Jendritzky“). Allerdings soll bis 2015 ein „Perspektivplan“ erstellt werden, in dem festgelegt wird, wie und wo Bauen noch möglich sei.

Nahezu gleichzeitig erhält der Gemeinderat mit Drucksache G-14/072 den „Sachstand zur Adaption der Bauleitplanung an den Klimawandel“. Der Text liest sich streckenweise wie aus einem Lehrbuch für Stadtklimatologie abgeschrieben und vermittelt damit den Eindruck, als wäre die Klimaproblematik von Freiburg von der Stadtverwaltung in all ihren Facetten erkannt und Grundlage für ihre Entscheidungen. Allerdings ist überwiegend von Klima als eigentlichem Schutzgut die Rede. Der Mensch taucht nur im Zusammenhang mit den negativen Folgen des (globalen) Klimawandelsauf. Vor dem Hintergrund der ungünstigen demographischen Situation in Freiburg mit dadurch weit über dem Landesdurchschnitt liegenden Sensitivität der Bevölkerung gehört aus Sicht der Klimawirkungsforschung das Schutzgut „Mensch“ deutlich stärker in den Fokus. 2013 lag die Mortalitätsrate in Freiburg 47% über dem Landesdurchschnitt! Also nicht allein Klimaschutz, sondern vielmehr Verminderung von erheblichen Gesundheitsrisiken der Bevölkerung durch Klimaextreme (wenn schon komplette Verhinderung nicht möglich ist) muss vordringliche Aufgabe der Stadtplanungsein („Planungsrelevante Kernaussagen zu Gesundheitsrisiken im Stadtklima“). Die Folgen von Hitzebelastung für Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit der Bevölkerung sollte der Stadtverwaltung spätestens seit dem Hitzesommer 2003 bewusst sein („Umweltmeteorologie: Fakten zu Gesundheitsrisiken im Stadtklima von Freiburg“).

Die Stadt Freiburg will die Stadtklimaanalyse 2003 überarbeiten und setzt dabei auf die „weiterentwickelten Möglichkeiten der numerischen Modellierung“. Wenn aber die bisherigen Erkenntnisse über die stadtklimatologischen Bedingungen in Freiburg mit dem Ziel weiterer Möglichkeiten zur Verdichtung und Bebauung infrage gestellt werden sollen (siehe „Fünf-Finger-Plan veraltet“), müssten die Klimasimulationsmodelle erst einmal nachweisen, dass die bestehenden klimatologisch begründeten Beschränkungen, z.B. durch die Regionalen Grünzüge, unbegründet sind. Die Erfahrungen mit der neuen Modellgeneration bei der Untersuchung des geplanten Standortes des SC Stadions auf dem Flugplatz sind allerding mehr als ernüchternd („Klimasimulation und Wirklichkeit“). Die Modelle sind nicht mal in der Lage, die durch Messungen belegte Klimawirklichkeit ausreichend korrekt zu wiederzugeben. Wie sollen sie denn dann die Auswirkung von Änderungen in der Bebauung belastbar simulieren können? Es herrscht wissenschaftlich Konsens, dass ohne eine saubere Validierung von Simulationsergebnissen durch geeignete meteorologische Messungen Modellaussagen als nicht belastbar angesehen werden müssen. Die übliche Darstellung der Rechenergebnisse in Falschfarben sieht mit ihrer Suggestivwirkung zwar sehr eindrucksvoll aus, kann aber ohne Validierung aber keine Begründung für rechtsverbindliche Planungsentscheidungen liefern.

Gerd Jendritzky                10.06.2014